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Pfleg stets den heitren Sinn

Der sanfte Hauch der Hoffnung

"Pfleg stets den heitren Sinn." Was für ein hintersinniger, geradezu hinterlistiger Titel! Kommt in der betonten Würde eines Klassikerzitats daher, mit ernstem Gesicht und leicht gestelzt, und redet doch von Heiterkeit, von Lachen also und Fröhlichsein. Macht aus dem allgegenwärtigen schwerblütigen Gerede von Sinn unter der Hand eine schmetterlingshafte Leichtigkeit. Ironie heisst die spannungsvolle Mischung, die einen sogleich fragen lässt, wer oder was hier auf die Rolle geschoben werden soll. Und schon sitzt man in der Falle. Denn natürlich gibt's nur einen, der dafür in Frage kommt: mich, den Leser.
"Pflege stets den heitren Sinn." Wohin stellt sich einer, Theologe zumal, der seinem Buch diesen Titel gibt?

Da selbst Theologe, fällt einem die biblische Weisheitsliteratur ein, die sich dadurch auszeichnet, dass sie ein reichlich illusionsloses um nicht zu sagen zynisches Verhältnis zum Leben und ein reichlich skeptisches um nicht zu sagen ironisches zum Glauben pflegt, jedoch mit dem Prediger Salomo rät: "Auf, iss dein Brot mit Freude, und trink deinen Wein mit frohem Herzen!" (Kohelet 9,7ff). Aber all die Ernüchterung, Enttäuschung, Resignation, bis es zu diesem Rat kommt! Kann aus derart sauren Trauben süsser Wein gekeltert werden? Das ist ja nicht weit von dem abgefackelten Spruch weg: "Lasst uns essen und trinken, denn morgen sind wir tot", als abschreckendes Beispiel von Zynismus zitiert bei Jesaja (22,13) und bei Paulus (1.Korinther 15,32).
So einfach und eindeutig ist es aber bei Niklaus Zemp nicht. "Pfleg stets den heitren Sinn." Gewiss, das ist eine Aufforderung. Aber kein Gesetz, das zynisch von uns fordert, zu schaffen, was uns fehlt, und nicht sagt, woher wir die Kraft dazu nehmen. Denn pflegen können wir ja nur, was ohne unser Zutun schon da ist, uns gegeben, in den Schoss gelegt. Den heiteren Sinn pflegen heisst, dass Grund zu heitrem Sinn besteht. Es gibt auch süsse Trauben! Wir müssen keinen süssen Wein aus sauren Trauben pressen. Wir haben, trotz viel Anlass zu Klagen, guten Grund, nicht zu verzweifeln, nicht zynisch zu werden, uns und die Welt nicht verloren zu geben.
Auf solchen Grund weist der Titelsatz. Er redet insgeheim von dem, was Gott getan hat und tut, ohne Gott beim Namen zu nennen. Er führt uns weisheitlich vor Augen, auf wie hohem Niveau wir verzweifeln wollen. Das tut er nicht vollmundig, sondern diskret. Keine Posaune des lieben Gottes, sondern eine flüsternde Stimme. Nicht direkt, sondern indirekt. Eben so, dass er an den Prediger Salomo zwar erinnert, ihm jedoch, scheinbar beistimmend, widerspricht. Ihn umdreht, indem er ihn beim Wort nimmt und ihm damit freundlich nachweist, dass seine Illusionslosigkeit in Wahrheit Illusion, seine totale Hoffnungslosigkeit Ideologie ist. Kurzum: Dass sich Salomo und Konsorten in stilisierter Verzweiflung häuslich einrichten und es sich wohl sein lassen. Und damit auf fremde Kreise zechen.
Das ist raffiniert. Darf aber um des angestrebten Effektes willen nicht raffiniert daherkommen. Muss sich streckenweise fast wie naive Anfängerei anhören und es doch dick hinter den Ohren haben. Ironisch wie die Zeichnungen, die der Autor den Texten beigibt. In denen macht er uns weis: "Seht, ich bin kein virtuoser Zeichner." Und packt uns erst recht bei unserer Aufmerksamkeit. Macht uns zu Anfängern im Schauen und im Lesen. Zu Leuten, die sich schliesslich die Augen reiben ob des vielen, was ohne ihr Zutun vorhanden ist und sie leben und hoffen und heitern Sinnes sein lässt.

Ulrich Knellwolf, November 2017
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