"Ich verstehe Sie ..."

Wer helfen will, glaubt, andere Menschen gut zu verstehen, meint, sich in sie hineindenken und -fühlen zu können. Ich nehme zumindest an, es sei so. Wie komme ich dazu? Ganz einfach, ich gehe von mir selbst aus. Aber ob das zutrifft? Nach ein paar Jahren seelsorgerlicher Beratungstätigkeit kam ich mir schon ziemlich erfahren vor. Eine Anruferin hat mich dann aber eines Tages wieder brüsk in Frage gestellt - glücklicherweise. Ich habe durch dieses Gespräch sehr viel dazu gelernt.
 
Das Schicksal dieser Anruferin gehörte nicht zu den alltäglichen. Der Anfang des Gespräches war für mich sehr schwierig. Schon aus der Art und Weise, wie die Frau ihr Unglück schilderte, hatte ich den Eindruck, sie halte mich für den Schuldigen. Je länger sie sprach, desto besser konnte ich verstehen, dass sie immer wieder von einer grossen Wut gepackt wurde. Am Anfang sprach die Frau mit weinerlicher Stimme: "Können Sie sich vorstellen, was es heisst, mit dreissig Jahren ein Wrack zu sein? Nein, das können Sie nicht." Ihr Gesicht sei entstellt. Und ich werde ja merken, dass sie im Sprechen behindert sei, weshalb viele Leute sie wie eine geistig Behinderte behandeln würden.
Mit der Aussprache hatte sie teilweise Schwierigkeiten, verfügte hingegen über
einen grossen Wortschatz. Ihr Aerger über "diese Leute" war deutlich spürbar. Sie sei IV-Rentnerin und könne nur ein paar Stunden Hilfsarbeiten machen, weil sie auch körperlich behindert sei. Der rechte Arm sei zu nichts mehr zu gebrauchen und zudem sei sie gehbehindert. "Und das alles wegen diesem besoffenen Gauner."
Diesen Satz hatte sie wütend herausgeschrien. Jetzt weinte sie hemmungslos. Irgendein Betrunkener hatte ihr blühendes Leben ruiniert. Ich konnte ihre Wut und ihre Trauer so gut verstehen.
Sie fasste sich wieder und erzählte, nun ruhiger geworden, weiter. Mit siebenundzwanzig war sie eine glückliche und zufriedene junge Frau. Beruflich hatte sie ein Wunschziel erreicht und war verheiratet. In der jungen Ehe ging es gut. In einer Nacht, als sie mit ihrem Mann von einer Einladung bei Freunden nach Hause fuhr, wurde ihr Glück mit einem Schlag zerstört. Ihr Auto wurde von einem mit übersetzter Geschwindigkeit fahrenden Betrunkenen gerammt. Ihr Mann war ohne bleibenden Schaden davongekommen. Aber sie wird mit diesen grossen Behinderungen leben müssen. Zwei Jahre darauf wurde sie von ihrem Mann verlassen, was sie zwar versteht, aber nicht wirklich akzeptieren kann.
"Ich verstehe, wie fürchterlich Sie an diesem Schicksal leiden", sagte ich. "Sie verstehen das? Wie können Sie so etwas sagen? Sie haben doch keine Ahnung, wie das ist? Oder haben Sie selbst so etwas erlebt?" Das war eine bissige Standpauke! Und ich muss zugeben, sie hat mich schrecklich geärgert. Wie konnte sie so mit mir reden! Ich schwöre, ich bin innerlich voll mitgegangen. Ihr Schicksal hat mich tief berührt. Und ich habe wirklich begriffen, welch schreckliches Unglück über sie hereingebrochen war und wie sehr sie ihr Leben lang darunter wird leiden müssen.
 
Ein paarmal habe ich leer geschluckt. Ich wusste nicht, was ich darauf erwidern sollte. Ein Streitgespräch schien mir nicht angemessen. Dafür ging es der Frau zu schlecht. Sie brach das Schweigen. "Sie sagen nichts mehr?!" Damit hat dann das eigentliche Gespräch begonnen.
Ist es überhaupt möglich, einen Menschen zu verstehen in einer Situation, die man selbst nicht kennt? Wenn ich sage: "Ich verstehe", dann gehe ich von meinen eigenen Erfahrungen und auch von meinen Vermutungen aus. Was diese Frau wirklich durchgemacht hat und immer noch erleidet, das kann ich nicht wirklich nacherleben. Selbst wenn mich ein gleiches Schicksal getroffen hätte, wären meine Erfahrungen nicht identisch mit denen, die sie gemacht hat. Soll ich denn besser nicht mehr von Verstehen reden?
Nach und nach kamen wir uns in diesem Punkt näher. Was ein solch fürchterlicher Unfall mit den lebenslänglichen Folgen für diese Anruferin ganz persönlich bedeutet, kann ich nicht wirklich nachvollziehen. Hingegen sind mir alle Gefühle, die ein solches Schicksal aufwühlt, nicht fremd. Ich weiss, was Angst ist. Ich kenne Wut und Enttäuschung, Ohnmacht und Trauer. Und auch andere Gefühle gehören zu meinen Grunderfahrungen. In diesen Gefühlen können wir uns gegenseitig verstehen, und eigentlich "nur" darin. "Nur" ist in diesem Fall sehr viel, meine ich, wenn nicht sogar das Wichtigste. Auf dieses Verstehen hofft wohl jeder Mensch, ganz besonders einer, der soviel Schweres zu ertragen hat wie die Frau, von der ich soeben erzählt habe.
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